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Die Beberich ist von einem Grau umhüllt, nur einige dicke Tropfen die von den Salingen fallen unterbrechen das eintönige leise prasseln der Regentropfen auf das Deck. Kein Windgeräusch, keine Gesellschaftsgeräusche, kein Vogelzwitschern – nichts, es ist ausser dem Regen völlig still. Die Beberich und ich liegen an einer kleinen Insel die sich laut karte Hässelholm nennt, Nordöstlich von Farö, hier liegen wir mit Henkanker an einem Felsen und genießen seid gestern Abend die Ruhe nach zwei – auf ganz unterschiedliche Art – schönen Tagen.

Ich verliess Visby gegen 10 Uhr in der Früh, erst am Nachmittag merkte ich das es Samstag war, denn bis auf Tageszeitunterschiede sind mir die Kalendertage abhanden gekommen. Der Wind wehte mäßig aus der Richtung wo ich hin wollte, ein kleines Stück nördlich die Küste von Gotland hinauf zu einem kleinen Hafen Lickershamm. Mein Lieblingsschwede hatte mir davon am Kieselsteinstrand von Visby erzählt und auch Fotos gezeigt. Da wollte ich unbedingt hin, hin zu diesem einsamen Baum an der Steilküste den ich auf einem Foto aus seinem Buch sehen konnte.

Nachdem mir beim Ausfahren aus dem Hafen-Visby dieses mal keine Fähre entgegen kam konnte ich sofort Segel setzten und segelte gen Westen. Bei ca. 10kn Wind rauschte die Beberich unter Vollzeug gute 5kn und ich war zufrieden. Ich hatte Zeit um die Segel zu trimmen und so nahm es nur ein kleiner Racer mit mir auf, der mich manchmal überholte und den ich ein anders mal wieder nach einem Kreuzschlag packte. Der Wind nahm langsam ab, das merkte man ganz genau und ich hoffte mit meinem langen Schlag gerade noch genug Wind und Höhe zu erhaschen um an eben der Landzunge vorbei zu kommen auf dem der besagte Baum stand. Dort hinter befand sich sofort der Hafen und ich hätte es geschafft. Fünf Stunden benötigte ich für die 19sm die ich hinter mich bringen musste, und tatsächlich, mit nur wenig Motorunterstützung in der letzten halben Stunde und ohne Kursänderung tuckerte ich an der Landzunge vorbei und da lag Lickershamm. Von weitem konnte ich die Boote zählen die dort lagen, nicht mehr als 15 Stück, verborgen hinter einem großen Wellenbrecher aus Steinen.

Bei der Anfahrt bin ich hoch konzentriert, denn überall liegen Steine die bis kurz unter die Wasseroberfläche ragen, ich halte mich genau an die Fahrwasserpeilung und biege langsam in den Hafen ein. Direkt am Hafen ist ein kleiner Strand an dem viele Leute Baden und ich denke noch, „Schön, extra viel Publikum wenn ich versuche anzulegen“, doch Keinen interesiert es als ich mit der Beberich durch das kleine Hafenbecken tuckere und versuche das Boot rückwärts an den Steg zu bringen. Dies gelingt aber nicht, da ich mit dem Hintern einfach nicht rum komme in der Enge, kurzerhand lege ich dann vorwärts mit der Steuerbordseite am Pier an. Mit dem Bug schön ran und dann Steuer Steuerbord und Rückärtsgang um den Hintern ran zu holen, derweil gehe ich aufs Vordeck und steige mit der Vorleine auf den Steg – die sitzt fest, doch der Hintern kommt nicht rum. Schnell wieder an Bord, die Achterleine geholt an dem noch der Bojenhaken hängt und mit kraft das Heck an die Pier gezogen. Irgendwie sagte mir das Gefühl, das es dort einen Punkt zu überwinden gab, zum Schluss ging das Ranziehen leichter als zu Beginn, aber ich schob es auf den Winkel mit dem die Beberich zum Pier lag. Zum ersten mal in Schweden half mir niemand, nicht das niemand dort gewesen wäre, nein sie gingen vorbei – unterhielten sich und schauten mal rüber – aber keiner machte den Anstand zu helfen. So kann’s also auch kommen.

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Als die Beberich vernünftig am Pier lag schaute ich noch mal auf das Lot, welches ich bis kurz vorm direkten Anlegen nicht aus den Augen gelassen hatte. In Lickershamm ist das Wasser nicht tief, das wusste ich und doch erschrak ich etwas als 1,9m auf dem Lot stand. Dies bedeutete max. 10cm unter dem Kiel, ahauahau. Hauptsache das Wasser fällt nicht. Über den Abend merkte ich, dass es darauf ankam wie die Beberich gerade lag wie viel Wasser unterm Kiel war oder nicht. Klar war aber, ganz an den Steg ran konnte sie nicht treiben, denn dort war es zu flach. Die Beberich lag somit immer 40cm vom Steg ab, was ja rein schrammentechnisch für den Rumpf gut ist machte mir auf der anderen Seite am Kiel wieder sorgen.

Ich vergass vorübergehend die Sorgen und machte mich auf Erkundungstour. Den Baum – man konnte ihn hier vom Boot aus sehen – wollte ich erreichen. Ich packte Handtuch, Wasser, Buch, Fotoknippse in einen Jutebeutel und machte mich auf den Weg. Einen Weg entlang der in den Wald und in Richtung Felsen führte. Durchquerte einen Wald wie ich ihn schon Jahrzehnte nicht mehr gesehen habe. Überall sah alles so unberührt aus. Nur der kleine Pfad wies den Weg durchs Dickicht und manchmal konnte man durch die Bäume das Meer erblicken. Ich wanderte über eine Holzbrücke immer weiter in die Richtung wo ich meine Landzunge vermutete und kam auch tatsächlich dort an. Der Felsen, vom Wasser aus gesehen hinter dem Baum wurde – wie so viele Felsen hier – als „Jungfrun“ bezeichnet, dahinter schloss eine große Wiese an. Wenn man dort so stand konnte man förmlich spüren was hier in früheren Zeiten alles passiert sein muss. Irgendwie ein mystischer Ort an der Jungfru.

Doch mir war es nicht genug, mich trennte der große Felsen – die Jungfru – von meinem Baum, und so fing ich an zu klettern. Im ersten Moment erinnerte es mich etwas ans Zittauer Gebirge, als wir vor vielen Jahren mit Mama und Papa eine Burg auf dem normalen Wege ersteigen wollten und ich plötzlich den Berg, den Wald hinauf schaute. Mama rief „Nein!“, und ich erwiderte „Doch!“ und war im Dickicht verschwunden und kletterte Schnurstracks den Berg hinauf ;-). So war es auch hier, ab von Pfad und Weg auf der Suche nach „meinem“ Weg. Und ich fand ihn und nur Minuten später saß ich an meinem Baum. Ich konnte von dort aus die Bucht von Lickershamm überblicken, sah die Beberich am Steg liegen und erfreute mich der Ruhe, dem Wind, dem Wasser und meines Baumes: Gestern in einem Buch gesehen – heute dort.

Nach ein paar Minuten Pause machte ich mich weiter auf den Weg, ich kletterte runter zum Wasser und wanderte am Fuss der Steilküste auf einem Kiesstrand umher, ich entfernte mich weiter von Lickershamm um zur nächsten großen Felsansammlung zu kommen die ich entdecken konnte. Ich sprang von Stein zu stein, kletterte, hielt inne und plötzlich entdeckte ich hoch oben Stehend auf einem Felsen – meinen Strand! Nach ein wenig Klettern hatte ich auch ihn erreicht und fühlte mich angekommen. Eine angeschwemmte Holzpalette musste mir als Lager dienen, denn so sehr ich ja Strand mag – mit Handtuch auf dem Strand hat man nachher nur überall diesen blöden Sand, nein, dass wollte ich nicht ;-) – die Holzpalette kam genau recht. Ich breitete mein Lager aus, schmiss die Klamotten vom Leib und stolperte in die Fluten und nahm ein erfrischendes Bad. Auf dem Weg zurück zu meiner Palette konnte ich den Strand und die dahinter liegende Steilküste in voller Pracht betrachten und freute mich wie ein kleines Kind. Sass dann in Handtuch gehüllt eine lange Zeit auf meinem Lager und Lass in Ruhe mein Buch weiter, dass irgendwann im 15. Jahrhundert auf Gotland spielt. Hätte man mit einer Kamera Aufnahmen gemacht und mir einen Text gegeben, hätten die Aufnahmen sicherlich in einen Film wie Beach hineingeschnitten werden können, ohne das es wem auffallen würde.

Als sich der Abend neigte wollte ich zurück zum Boot – natürlich auf einem anderen Weg, – oben durch den Wald der hier bis an die Abhänge heran ragte. Doch wie hinauf, hier wo es überall zu steil zum klettern war? Ich suchte mir eine Stelle, die zwar waghalsig, aber dennoch zu schaffen war. Robbte mich wie im Zittauer Gebirge von einem Steinvorsprung zum nächsten, ohne nicht zu vergessen zu prüfen ob diese auch hielten – was sie teilweise nicht taten. Zog mich an einer Baumwurzel zur nächsten und liess den Schweiss rinnen wie er wollte. Mein Jutesäckchen hing an meinem Arm und manches mal wünschte ich mir, er wäre ein Rucksack, aber meine Wünsche wurden leider nicht erhöht, zumindest nicht diese. „Geschafft!“ oben, sicheren Fusses auf einem Felsen. Nun waren es nur noch wenige, sichere Klettermeter bis zur Spitze.

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Von oben hatte man einen noch besseren Blick über Strand, Bucht und das weite Wasser. Ich genoss den den Blick und machte mich alsbald auf einem Pfad in den Wald zu folgen, immer der Nase und Orientierung nach dorthin wo ich wollte – natürlich ohne vorgegebene Pfade zu verlassen. Was für ein Wald, überall Moose, tiefe Dickichte, Farn und was das grüne Malerherz hergibt. Grün in allen Farben und Formen,- Lysann und Horst würden übergehen vor Glück, ja sie würden zerschmelzen vor Freude, sie würden Weinen und Ihr Herz würde sich weiter öffnen: Grün soweit das Auge reicht, unterbrochen von etwas braun das durch die Moose hindurchblickt und einen alten Baumstamm darstellt. Ein Foto kann dies nicht wiedergeben, so viel Grün kann kein Abbild zeigen – so viel Grün kann nicht geschrieben werden wie es dort erscheint. Man spürt wie das Grün einen durchdringt, wie es in jede Faser des Seins sein Abbild legt und wie der Duft der verschiedenen Grüntöne in die Nase steigt und dort grandioses vollbringt. Ich bin nicht vom Wandern erschöpft, doch ich muss mich setzten, muss eine Pause machen und setze mich ganz sanft auf das Moos und versuche meine Augen wahrnehmen zu lassen was sie jetzt, still sitzend, sehen können. Doch ich bin kläglich gescheitert, nicht auf einem Foto und auch in Erinnerung ist dieses Grün nicht mitzunehmen, es wird dort bleiben, dort auf Gotland in der Nähe meines Baumes. Und wahrscheinlich ist es gut so, an dem Ort wo das Grün bewahrt wird, dort soll man es nicht rauben. Es soll dort bleiben und wenn mich irgendwann mal jemand nach der Farbe Grün fragt, so werde ich ihn hier her schicken. Und sollte es selbst ein Blinder sein, auch ihn würde ich das Grün hier nahebringen können, wie es nirgends anders möglich ist.

Den Abend verbrachte ich an Bord, plante die Überfahrt am nächsten Tag und genoss noch eine Dusche in den wirklich zu empfehlenden Sanitäranlagen von Lickershamm. Eher einem Badezimmer gleich, als einer Campingdusche wie in Visby. Mit Familenduschen und einer Toilette wie ich sie seid Wochen nicht mehr gesehen habe und wie ich sie auch lange Zeit nicht mehr sehen werde, wie ich später herausfand. Alles in allem ziehe ich Lickershamm trotz der geringen Wasseriefe und den weniger guten Versorgungsmöglichkeiten vor. Eine Tankstelle oder Kaufmannsladen muss man in diesen kleinen Hütten nicht erwarten, dafür gibt es aber einen Minigolfplatz, frischen geräucherten Fisch und auch Wasser und Eis kann man erwerben, daneben kostet es fast nur die Hälfte vom Liegeplatzgeld in Visby – und wenn man Visby unbedingt sehen will, dann fährt sicherlich auch ein Bus. Alte Stadtmauer und enge Gassen in Visby hin- oder her. Hier gefällt es mir weitaus besser, wenn es hier auch weitaus mehr Mücken gibt die meinem Körper nahe rücken und diverse Schwellungen und Juckreiz hinterlassen. Dieses Jahr sind meine Kniee auserkohren und glühen vor Mückenstichen. Selbst mit meinem hochbeschwörten Antimückenstich-Tacker komme ich nicht nach und denke das erste mal, dass es zwar wunderschön hier sein mag aber noch einmal werde ich diese Gegend nicht besuchen – der Mücken wegen. Natürlich nur ein Gedanke, der schnell wieder aus dem Kopf verschwunden ist.

Als der Abend später wird gehe ich mit murmeldem Bauch schlafen, der Liegeplatz scheint mir nicht optimal und das wenige Wasser unterm Kiel bereiten mir Sorgen die ich die nächsten Stunden im Halbschlaf immer wieder vor Augen geführt bekomme. Immer wieder Träume über eine zerbarstete Beberich, eine Beberich die an Land steht und kein Wasser unterm Rumpf spührt, einer Beberich der es nicht gut geht. Als der Wind in den Morgenstunden rund um 3 Uhr mehr wird ist es schon taghell draussen. Ich spühre wie der Kiel bei jedem kleinen Schwell der in den Hafen drängt aufsetzt, so als wenn die Festmacher ruckeln hört es sich an, ich weiss das es nicht schlimm ist aber ich spüre es. Es ist mir nicht wohl und doch lege ich mich weiter schlafen, es gab bisher zu wenig geruhsamen Schlaf diese Nacht. Kurz vor 6 halte ich es nicht mehr aus, die immer währende Unruhe bei jedem Ditscher den die Beberich auf Grund macht, lassen mich trotz des Windes der vorherrscht die Entscheidung fällen jetzt und sofort auszulaufen.

Doch vor dem Auslaufen liegt das ablegen. Ich habe schon so eine Ahnung, dass es sicherlich etwas trickreich werden wird, denn irgendwie scheint der Kiel der Beberich zwischen zwei Untiefen zu stecken – so sagt zumindest mein Gefühl und dies Gefühl lag nicht schlecht und erklärt auch das schwierige heranziehen beim anlegen. Es bedarf die Kraft eines anderen Frühaufstehers und der Meinigen um die Beberich so weit vom Steg weg zu wuchten bis sie wieder frei schwamm. Das restliche Ablegen wurde nur durch die Enge erschwert. „Nur nicht wieder auflaufen, und dann noch hier im Hafen feststecken“, ging es mir durch den Kopf, und so drehte ich das Steuerrad schon etwas zu früh rum und schrammte mit dem am Heck befestigten Schlauchboot die Kaimauer, was diesem natürlich nicht gut tat und wie ich später bemerkte wohl auch die Luftundurchläassigkeit gekostet hat. Das Schlauchi verlor jedenfalls stetig Luft und während der weiteren Fahrt musste ich mal wieder die Bodenbretter retten, was dieses mal aber kein nennenswertes Problem darstellte, da ich ja schon im Zuge der bevorstehenden grossen Überfahrt das Schlauchi fest am Heck auf dem Spiegel gesichert hatte.

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Nordnordost-Wind, um die 20kn (5Bf) wehen, doch die können mich nicht schrecken. Meine Hoffnung ist, dass die Welle draussen wo es tiefer wird nicht ganz so schlimm ist wie hier vor dem Hafen, dass sie lang genug ist damit die Beberich geruhsam auf ihnen auf- und ab gleiten kann. Nach einer kitzeligen Ausfahrt an der heftigen Brandung vorbei werde ich eines besseren belehrt. Trotz der Wassertiefe zwischen 50 und 100m steht hier eine Welle wie sie viel fieser nicht sein kann. Die Beberich stampft unter Motor dem Wind entgegen, 60sm liegen vor mir, ganze 4 habe ich in der ersten Stunde schon geschafft. „Was für eine Thermik“, denke ich bei mir – das Wasser und das Land mit seinen unterschiedlichen Temperaturen sorgt für Wind und dieser sorgt für Welle. Die Natur ist nicht anzuzweifeln und so starre ich weiterhin gebannt auf das Meer, bin beeindruckt von den Wellen die manches mal sicher eine Höhe von 5m erreichen und spüre den Schmerz wenn die Beberich wieder im freien Fall auf das Wasser klatscht. Ich muss lernen, dass die Beberich doch nicht so Wasserdicht ist wie sie mir immer schien. Die Gummis der Decksluken scheinen nicht mehr das an Dichtigkeit zu gewähren was sie sollen und auch durch die schon bekannten Lüfter im Vordeck dringt Rinnsal-gross das Wasser ein, immer dann wenn die Beberich in die Welle stampft und wie ein Bagger mit dem Bug Wasser aufnimmt und es über das ganze Deck schleudert, immer dann rinnt das Wasser hinein und sammelt sich in der Bilge. Zusätzlich reisst sich die Verankerung vom Herd los, so das der Herd frei hin und her schwingen kann,- was er ja beim Kochen auch gerne soll, aber hier und jetzt ist das eine ziemlich blöde Idee wenn der schwere Herd immer hin- und her kracht. Die neue Decke von Oma löst dieses Problem ziemlich schnell: Einfach um den Herd gestopft, schon bewegt er sich nicht mehr. Doch das Stampfen ist Nervtötend, rutschen wir auf einer Welle mit 6kn runter, so gibt der Motor alles um die Beberich innerhalb einer Minute nach dem Eintauchen in eine Welle wieder über 3kn zu bringen. Es ist alles sicher, es besteht zu keiner Zeit auch nur der Ansatz von Unsicherheit oder gar Gefahr, doch Erholung – insbesondere für die Beberich – ist dies nicht, und auch mir macht es einfach keinen Spass für welchen Preis ich Richtung Stockholm Poltere, für welchen Preis ich eine Stadt bezahlen soll, die mir wahrscheinlich genauso viel gibt wie Visby. Wäre Tatjana dabei, ginge es vielleicht um einen Stadtbummel, neue Schuhe die in der Einsamkeit nicht zu bekommen sind, ginge es um einen Latte in einem schnuckeligen Café – mal davon abgesehen, dass ich mit Tatjana bei dem Wetter gar nicht erst ausgelaufen wäre ;-) – aber hier war ich, der sich an der Einsamkeit ergötzen kann, dem das Grün mehr Wohlgefühl bereitet als einsame Schuhe im Schaufenster und der ab und zu in einer Stadt nur Diesel um Strom suchte, und vielleicht einen Lieblingsschweden der mir noch ein paar schöne Ecken verrät. Dem gegenüber stand mein Plan, mein Plan heute an die Schären südlich von Stockholm heran zu kommen und morgen Stockholm anzulaufen und es fällt mir schwer einen gefassten Plan über den Haufen zu werfen. Dann entsinnt ich mich aber dem eigentlichen Plan: Urlaub, Segeln mit der Beberich – SEGELN – und nicht bei 4-5m Welle mit Motor gegenan stampfen. Stockholm gebar aus der Möglichkeit mit Matthias in den ersten Tagen mehr Seemeilen zu schaffen um genau zu sein – der Plan entstand mit Matthias nach Stockholm zu segeln um von dort aus meine Erholungstour zu beginnen. Das Wetter machte uns schon frühzeitig einen Strich durch die Rechnung und ich besann mich schon vor „Bla Jungfrun“ auf meine Erholung und auf Meilenfressen alleine zu verzichten; warum also nicht auch jetzt. Und so fiel sie, die Entscheidung Abzulaufen. Nach fast 500sm gegenan war genug, ich will 60-90 Grad weiter westlich mein Ziel für heute suchen um die Segel zu setzen um endlich wieder zu segeln.

Wohin war erstmal egal, nur raus aus diesem Stampfen und endlich Motor aus. Der Wind hatte sich bei 25kn eingependelt und auf Raumschotkurs setze ich ca ein Drittel meiner Genua. Schon schoss die Beberich mit über 7kn die Wellen entlang. Was für ein Ritt auf den Wellen – sie wurden ja durch die Kursänderung nicht kleiner und so ritt ich wie einst ein Herr Münchhausen auf den Kanonenkugeln auf den Wellen, schnell waren 8kn erreicht und die Beberich rauschte was das Zeug hält. Ich merkte schnell das dieser Kurs meinem Magen nicht wohl kam, ich frage mich eh‘ häufig wie ich eigentlich drauf komme zu segeln, wo ich doch wohl der denkbar ungeeignetste Kandidat dafür bin: Ich, für den immer alles perfekt in seiner subjektiven Realität sein muss, der schwer damit zu kämpfen hat wenn ein Plan nicht so funktioniert wie er gedanklich geschrieben wurde, für den alles immer effizient und effektiv sein soll. Dieser Jemand steht auf einem Segelboot, bei dem es um Kompromisse geht. Wo immer etwas nicht so klappt wie es soll, andauernd geht etwas kaputt und man muss improvisieren. Körperliche Anstrengung anstatt im Bett zu liegen und zu träumen. Alles Dinge die nicht zu Sven passen und doch bin ich hier, und geniesse die Situation mehr als das Schönwettersegeln am gestrigen Tag ohne es jemals zuzugeben und in diesem Moment zu merken. Werde leiser und fluche nicht wenn ich mich stosse und bin konzentriert, konzentriert auf den Ritt und meinen Magen der Karussell fahren einfach nicht mag und noch nie mochte. Ich gehe etwas mehr an den Wind, auch wenn ich die Welle dann von der Seite bekomme, zu schlimm ist sie nicht um die Beberich umzuwerfen und mein Magen wird es mir danken.

Auf Halbwindkurs plus ein paar Grad düse ich quer zu den Wellen, ein wahnsinniges Gefühl wenn wieder so ein Kollege unter der Beberich hindurchschwellt, welche Macht das Wasser besitzt ist einfach Atemberaubend. Mit der Zeit suche ich mir einen Punkt den ich am Festland, am Beginn der Schären erreichen möchte. Kurs ca. 280 Grad, ein Leuchtfeuer was mich in die Schärenwelt lenken soll. Bis dahin sind es von Gotland ca. 50sm von denen noch 40 vor mir liegen. Ich merke, dass der Wind ganz langsam abflaut, alle halbe Stunde setze ich etwas mehr Segel bis die Genau ganz draussen ist. Dauerhaft legt die Beberich über 7,5kn hin, häufig sehe ich weit über 8kn und ein paar mal stattet auch die 9kn+ meinem GPS einen kleinen Besuch ab. Die Seemeilen fliegen so schnell wie die Wellen an uns vorüber und auch wenn ich mich nur beschwerlich auf der Beberich bewegen kann so geniesse ich den Ritt. Beim Pinkeln gehen unter Deck gibt es blaue Flecken und ich kann an allen Ecken, Schränken und Einbauten sehen was für Kraft auf die Beberich einwirkt und entdecke einen offenen Leimspalt nahe des Topfschrankes. Die Sonne kommt irgendwann raus und ich kann sogar das Regenzeug ausziehen, schon kurze Zeit später kann man mich auf dem Deck in der Sonne liegen sehen – wenn man denn dort wäre, aber niemand ist auf dem Wasser – nur die Beberich und ich. Wahnsinn!

Die Meilen fliegen und die Sonne brennt und die Beberich wird weiter von Wellen unterspült, ganz langsam nimmt auch der Wellengang ab und pendelt sich bei 1-2m Wellen ein. Der Wind nimmt dabei so stark ab, dass ich auch das Gross setzen muss, denn unter 6kn ist die Welle zu stark um die Beberich auf Kurz zu halten, wir müssen schnell bleiben sonst wirft uns die Welle hin wo wir nicht hinwollen. Ich kann schon das besagte Leuchtfeuer sehen, da schläft der Wind auf unter 7kn ein und ich starte den Motor. Bei weiterhin schön Welle hole ich die Segel ein und kann mich kartentechnisch und gedanklich auf die Schärenwelt und die Navigation dort einstellen. – Als ob ich die ganze Fahrt über irgendetwas anderes gemacht hätte ;-).

Die Aussenschären sind erreicht, das Leuchtfeuer passiert un dich habe Contact! – Da ist sie, die Welt die mich nicht mehr loslassen wird – aber das weiss ich noch nicht ;-).

Faszinierend wie eine Landzunge am Horizont auftaucht und sich dann immer mehr zu Inseln, Steinen, ganze Inselketten entpuppen. Ein hoch an alle Navigatoren ohne GPS oder gar genaue Seekarten. Alleine ohne Plotter wäre das hier nicht ohne Stress zu schaffen. Die Wassertiefen schwanken so schnell, und hier noch 50m Tief, so kann es dort schon nur noch einen Meter sein. Ich halte mich hier wo es ein paar Fahrwassertonnen gibt genau an sie und übernehme das Steuer. Der Autopilot der den ganzen Tag wieder super Dienste geleistet hat kann nun Feierabend machen und die Schärenwelt geniessen. Immer wieder muss ich aufpassen nicht von der Schärenwelt selbst übermannt zu werden und drohe den Kurs zu verlieren, doch immer wieder finde ich den richtigen Weg und verfalle dem Staunen nur so stark, dass ich auch weiter steuern kann. Faszinieren, dachte ich vor wenigen Minuten noch der Detailreichtum der Buchten und Inseln wäre erreicht, so bietet sich nach der nächsten Ecke ein noch weiteres Reich an Buchten, Inseln und Steinen. Überall vereinzelte, kleine rote Holzhäuser mit einem kleinen Holz- oder Natursteg, überall die Felsen und die Nadelbäume auf ihnen. Überall ein kleines Eiland was unentdeckt scheint und doch sicherlich schon millionenfach besucht wurde.

Auf der Karte hatte ich eine kleine Enge zwischen Farö und Lindholm ausgemacht, eines meiner Bücher beschrieb das man dort Ankern könne und so wollte ich diese Enge für mein Nachtlager benutzen. Ich hoffte auf einen Platz längsseits der Felsen um nicht gleich beim ersten mal in den Schären den Heckanker alleine auszuprobieren zu müssen und so bereitete ich treibend meine Fender an Steuerbord vor während ich zwischendurch immer wieder überwältigt gen Felsen und Inseln starrte. „In diese kleine Enge soll ich rein?“, dachte ich bei mir als ich die Einfahrt endeckte und warf sogleich einen Blick auf den Plotter und mein Lot. Über 15m Wassertiefe sollten wohl genügen und so folgte ich der Enge. Hier und auch dort schwangen Fischreier ihre Flügel als sie mich daher tuckern sahen und machten diese kleine Enge zwischen den Felsen zu meiner eigenen Entdeckungstour. Ich taste mich langsam mit der Beberich vor, lies den Motor so langsam laufen wie es ging und entdeckte eine Welt die es zuvor auf meiner gedanklichen Landkarte nicht gab. Ich entdeckte eine Welt in der ich mich zuvor nie zu sein geträumt hätte und merke sofort, dass hier Meter zu Meilen würden, das eine Stunde zu einer Minute wird, das die Zeit und der Raum hier anders schlägt. So unschuldig liegen sie da, die Felsen haushoch oder gar minimal über das Wasser ragend. Jeder Meter spannend und jede Bucht gilt es zu entdecken. Wer hier Meilen frisst ist selber schuld, dem gehört die Gesellschaft auf den Hals gehetzt, wer hier hetzt hat verloren. Hier heisst es die Gelassenheit wie Rosmarin zu pflegen. Wer hier nicht staunt, wundert, rastet und ruht dem sei auf dieser unserer Erde nicht mehr geholfen. Der ist verloren im Strudel der Schnelllebigkeit. Ich denke kurz an Stockholm, auf der Karte vielleicht 80sm entfernt, hier in freier Natur scheinen sie mir wie 800!

Ich schaue mir zwei oder drei Stellen an, die mir als Liegeplatz gut erscheinen, doch immer brummelt in meinem Bauch etwas dagegen, ich erreiche in Schleichfahrt eine klitzekleine Bucht in der die Beberich vielleicht 4 oder 5 mal hinein passt, doch am Ende der Bucht steht ein Haus und ich möchte nicht stören. In mir steigt das Gefühl vielleicht doch hier und in Ruhe meinen Heckanker auszuprobieren der bisher ein einsames Leben in der Ankerkiste tätigte. Wieder liess ich die Beberich treiben, nicht ohne die Engen Felsen ausser Acht zu lassen und kramte den Heckanker hervor und verholte ihn nach Achtern. Schon zuvor hatte ich mir eine kleine Einbuchtung ausgeschaut bei der es sicherlich möglich sein musste mit dem Bug an den Felsen zu gehen, solange der Heckanker halten würde. Ich fuhr in Schleichfahrt auf den Felsen zu, und ca. 2,5 Bootslängen vor dem Felsen warf ich den Heckanker, liess ein wenig Leine und prüfte ob er hielt. Die ganze Zeit achtete ich auf das Lot, das vor dem Anker werfen schnell von 15m auf 3 und auch 2,5m fiel. – Der Heckanker hielt, und ich tatstete mich langsam an den Fels ran, einmal nach vorne aufs Vordeck zeigten mir noch ca. 1,5 Meter, dann kann ich den Fels erreichen. Also noch etwas Heckankerleine geben und den Bug mit leichtem Vorwärtsgang an die gewünschte Ecke dirigiert. Schnell die Vorleine geschnappt – ich hatte extra schon eine sehr Lange bereit gelegt – und über den Bugkorb auf den Felsen. „Nein, der Baum ist nicht stabil genug – wohin mit der Vorleine?!“, schiesst es mir durch den Kopf, „ja, dieser Stein, ca 1 Meter Umfang, der sollte halten – und bei nicht all zu viel Wind zerschneidet er auch die Leine nicht“, denke ich weiter, und wickle die Vorleine um den Stein wie um einen übergrossen Poller und führe sie dann zurück zur Klampe an Deck. Um das Auf- und Absteigen von Bord etwas einfacher zu gestalten lege ich auch nach Backbord eine Leine an einen etwas kleineren Stein. So kann ich den Bug von Land aus etwas näher ran holen und ganz gemütlich übersteigen. Da ich den Bereich noch nicht abschätzen kann, den die Ankerleine der Beberich bietet kommen an die Backbord-Bugspitze zwei Kugelfender um die Beberich vor den nahliegenden Felsen bei eventuellem Abtrieb zu schützen. Noch einmal prüfe ich die Heckankerleine und hole sie ein Stückchen dichter und bin zufrieden.

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Die Beberich liegt mit Heckanker an einer Schäre,- das erste mal. Wasser. Felsen. Beberich. Sven. Allein. Grandios.

Sogleich nehme ich die Fotoknippse und stürme meine Insel: Hässelholm heisst sie. Ohne Unterbrechung mache ich Fotos von der Beberich und lasse mich dann langsam auf dem Fels nieder. Lasse die Gedanken kreisen und erfreue mich das es so ist, und nicht anders. Nach guten 500sm liegt die Beberich an einer Schäre in Schweden fest. Die Natur hat mich in ihre Mitte gelassen und ich geniesse den Blick auf das Deck der Beberich, meine Gute – wenn auch nicht ganz Wasserdichte ;-) – da liegst Du nun, gut hast Du mich hergebracht und wirst mich auch weiter gut über das Wasser bringen und ich weiss das all die Dinge die mir immer nicht passen, die nicht optimal erscheinen und die mich manches mal mehr finanzielle Kraft kosten als mir zusteht, das all‘ diese Dinge mikroskopisch klein erscheinen für nur einen Blick dieses gleichen. Diese Gefühl hier im irgendwo zu sein, dort wo keine Straße hinführt, dort wo mich der Wind hingeführt hat, dieses Gefühl ist es mir des Lebens wert. Das ist der Erdapfel der geschaffen wurde, mit seinen Gewalten und seinen Gaben, fast unverfälscht von menschlicher Kontrollsucht der Gesellschaft. Auch wenn dieser Moment nur kurz inne hält und ich einen kleinen Komfort dieser menschlichen Kontrollsucht kurz darauf dringend aufsuchen muss – mein Klo an Bord ;-)

Es ist still um die Beberich. Der Wind ist komplett eingeschlafen und bis auf ein kurz vorüber rasender Wasserskiläufer der mir freundlicher Weise durch seinen Schwell den Halt des Ankers noch mal bestätigen kann ist es ruhig. Ich halte inne und geniesse dieses einfach Sein. Hier – egal wo – hier bin ich und lausche der Ruhe und steige von Bord. Hinab in eine Welt die einem Märchen gleicht. Ich klettere über Felsen dort hinüber wo die Bäume dichter werden. Vorbei an rausgerissenen Baumwurzeln unter denen schon längst wieder neues Leben gewachsen ist. Ich streife über Moos und riesengrosse Blaubeerfelder durch den Wald der nicht ganz so grün wie der auf Gotland wirkt, der jedoch seine ganz eigenen Wunder vor mir ausbreitet. Sollte ich dieses Fleckchen Erde in einem Satz beschreiben, so würde ich es so ausdrücken: Würde mir hier gar ein Ritter, eine Fee oder auch eine Hexe begegnen, so würde ich sie so freundlich es geht grüßen und mich nicht weiter wundern. Alles scheint verwunschen, scheint vor hunderten von Jahren erschaffen und auch erhalten geblieben. Die Gräser und die Bäume wachsen und fallen um wie es ihnen die Natur vorgibt, die Blaubeerfelder überwuchern den Boden und die einzigen Pfade die millionenfach zu erkennen sind werden eifrig von den Ameisen der Insel benutzt. Ohne Übertreibung sind es wahrscheinlich Millionen Ameisen die hier fleissig ihr Dasein bestreiten, das Wort Autobahn – manche gar mit 20-50 Spuren zeigt hier was in ihm steckt. Drei Ameisenhaufen mit sicherlich 1 bis 1,5 Metern Durchmesser, wie ich sie so gross das letzte mal vor Jahren bei einer Fahrradtour gesehen hatte, sind auf der Insel verteilt. Und ich bin mir sicher, die Strassen verbinden all diese Millionenstädte und so scheint das Band der Gesellschaft, der Zeitdruck und all der hass und die Liebe näher als ich es mir wünschen mag. – Und doch stehe ich da, starre fasziniert auf das Getummel, auf dieses scheinbare Chaos und mich juckt und zwickt es schon vom Hinsehen, bevor eine Ameise überhaupt meinen Fuss erreicht hat.

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Ich streife weiter über die Insel, immer vorsichtig und bedacht keine Spuren zu hinterlassen. Besteige Fels um Fels und schlage mich neben den Ameisenpfaden durch Dickicht bis ich die Beberich wieder erreicht habe. Spüre wie die Mücken mich weiter zerstochen haben, als Preis für die Schönheit, für die Natur die hier steht wie sie stehen soll. Wie ich sie nicht anzweifle, wie ich sie mir nicht zu erträumen gehofft habe. Die Früchte der Welt sind gut, darüber besteht kein Zweifel mehr, also schmeisse ich das erste mal in meinem Leben die Angel aus. Nach drei gescheiterten Würfen verliere ich die sog. Bremmskurbel …. naja, dann eben ein andern mal und heute noch Fisch aus der Dose.

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